Macht Toben schlau? Was hat denn Bewegung mit Lernen zu tun? Diesen und zahlreichen anderen Fragen widmete sich die bundesweite Fachtagung am 24. Mai 2003, zu der die Rheinischen Akademie im Förderverein Psychomotorik nach Bonn eingeladen hatte.
Dieser Einladung folgten ca. 700 Pädagogen und Therapeuten aus dem gesamten Bundesgebiet und den angrenzenden Nachbarländern. Nach der durch die Pisa-Studie ausgelösten kontroversen Diskussionen, bei denen vor allem unbewegte Ratschläge zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten gegeben werden, lag der Hauptschwerpunkt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der unterschiedlichen beruflichen Disziplinen darin, psychomotorische Alternativen für ihre theoretische und praktische Arbeit mit nach Hause zu nehmen.
Im ersten Hauptvortrag kritisierte Prof. Dr. Renate Zimmer aus Osnabrück sehr anschaulich, wie wenig Raum in der aktuellen Diskussion dem kindlichen Spiel und der Bewegung gegeben wird. Obwohl Hirnforscher schon lange den Zusammenhang zwischen frühem kindlichem Spiel als Anregung für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung sehen, werden wir diesem Wissen im praktischen und theoretischen Kindergarten- und Schulalltag zu wenig gerecht.
Die Referentinnen und Referenten der Fachtagung eröffneten neue Perspektiven zu einem bewegten und bewegenden Lernen in Kindergarten, Schule und Therapie. Das Toben zulassen und in Bahnen lenken und den positiven Entwicklungsprozesse des Kindes dabei zu sehen, war ein wichtiger Aspekt in den Seminaren und Workshops, um den Pädagogen und Therapeuten den Umgang mit dem Toben zu erleichtern. Über eine bunte Mischung aus Spiel, Bewegung und theoretischem Fachwissen erhielten die TeilnehmerInnen vielfältige Gelegenheiten, am eigenen Leib auszuprobieren, dass "Toben schlau macht".
So eröffneten Themen wie "Bewegte Schule", "Das Bewegte Schulbuch", "Lernen durch Bewegung" interessante Perspektiven für den Schulunterricht , es wurden aber auch vielfältige praktische Anregungen zum Toben gegeben, wie z.B. "Ringen, Raufen, Kämpfen - Endlich dürfen wir mal toben!", "Hyperaktiv mit Leib und Seele!, "Wer wagt gewinnt" oder "Kleine Menschen - Große Bewegungskünstler". Entspannungs- und Körperwahrneh- mungsworkshops sowie Einblicke in Elternarbeit und Diagnostik vertieften das Angebot.
Die Tagung rundete Dr. Wolfgang Beudels mit einem bewegten und bewegenden Abschlussvortrag ab. Das Thema "Drunter und Drüber" - Was Kinder beim Raufen lernen, zeigte auch unter historischen Gesichtspunkten deutlich auf, wie elementar die psychomotorischen Erfahrungen und die Entwicklungsprozesse der Kinder dabei sind.
So werden sich sicherlich zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch nach dieser Tagung in die teils kontroversen Diskussionen mit ihren neu gewonnen Standpunkten einbringen können, wenn es um die Frage geht: "Macht Toben schlau?"
Quelle: Praxis der Psychomotorik, Jg. 28 (3), August 2003, S. 206
700 Pädagogen und Therapeuten aus ganz Deutschland nahmen am Wochenende an der Fachtagung für Psychomotorik in der Aula der Godesberger Gesamtschule teil. Das Thema lautete: " Toben macht schlau - oder: Was Bewegung und Spiel mit Lernen zu tun haben": Eingeladen hatte die Rheinische Akademie im Förderverein Psychomotorik. " 300 weiteren Interessenten mussten wir aus Platzmangel leider absagen", berichtet Tagungsleiter Hans Jürgen Beins. Geboten wurde eine bunte Mischung aus Spiel, Bewegung und theoretischem Fachwissen.
So hatten die Teilnehmer vielfältige Gelegenheiten, am eigenen Leib zu erfahren, dass "Toben schlau macht". Ziel der Tagung war, neue Perspektiven zu einem bewegten Kindergarten, Schule und Therapie" zu entwickeln.
In der als Reaktion auf die PISA Studie aufgenommenen Diskussionen würden "vor allen unbewegte Ratschläge zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten gegeben", beklagt Beins. die drastische Verschlechterung der motorischen Fähigkeiten von Kindern würden viel zu wenig berücksichtigt. die Kindheit sei immer mehr von sitzenden Tätigkeiten und Medienkonsum geprägt, beklagt Beins, und immer weniger von "bewegten sinnvollen Spielen du Lernen." Die psychomotorische Praxis und Theorie halte Alternativen bereit.
mit den beschäfigten sich die Teilnehmer der Fachtagung - Erzieher, Lehrer, Therapeuten und Eltern - in 31 Praxisworkshops. Die Themenpalette reichte von "Tanzen ist Räumen mit den Beinen" über afrikanisches Trommeln bis hin zu "Hyperaktiv mit Leib und Seele" und "Mit Sicherheit ganz schön gesagt! Kinder stärken gegenüber Unfallgefahren".
Auch die Vorträge von Professor Dr. Renate Zimmer und Dr. Wolfgang Beudels machten sehr anschaulich klar, wie wichtig Bewegung und Spiel für die kindliche Entwicklung sind. Zimmer kritisierte, dass der Bedeutung des kindlichen Spielens in der PISA- Diskussion viel zu wenig Raum einnehme. Dies, obwohl Hirnforscher belegten, wie wichtig eine frühe spielerische Anregung für die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung der Kinder sei. Die Fachtagung ist die größte von über 100 Veranstaltungen, die die Rheinische Akademie in diesem Jahr anbietet.
Quelle: General-Anzeiger Bonn vom 28. Mai 2003
Toben macht schlau!? Manch einer wird das Thema der bundesweiten Fachtagung der Rheinischen Akademie im Förderverein Psychomotorik für gewagt halten. Die Resonanz aber war groß: 630 Teilnehmer - eine Frau reiste aus Korea an - und 30 Referenten zog es neben 40 Mitarbeitern des Vereins in die Förder- und Beratungsstelle Bonn-Süd des Vereins in der Gesamtschule Bad Godesberg.
Es ging hier jedoch nicht um den linearen Nachweis, dass, wer tobt, später gute Zeugnisse hat, vielmehr darum, einen längst be- und anerkannten Grundsatz der Pädagogik, dass nämlich Bewegung Lernen fördert, noch einmal neu zu beleuchten. In 31 Workshops spannten die Psychomotoriker einen weiten Bogen über das Thema Toben, der von zwei Vorträgen von Prof. Dr. Renate Zimmer ( Universität Osnabrück), die mit der Frage" Macht Toben schlau?" in das Thema einführte, sowie von Dr. Wolfgang Beudels ( Universität Dortmund ), der abschließend zusammenfasste, " Was Kinder beim Raufen lernen", flankiert wurde.
Die geschichtliche Dimension des Ringens und Raufens, wurzelnd in der Knabenerziehung des antiken Griechenland, hatte im Tagungsprogramm genauso Raum wie das aktuelle Konzept zur "Bewegten Schule", das als Modellprojekt zur Offenen Ganztagsschule vom Förderverein derzeit mit der Schulleiterin der Michaelschule, Dorothea Paschen, entwickelt und umgesetzt wird und in einer Arbeitsgruppe vorgestellt wurde. Hyperaktivität, die Entwicklung sozialer Kompetenz, das Problem der Wahrnehmungsstörungen bei Kindern und neue Konzepte zum Erlebnisturnen für 1,5 bis 3 Jährige wurden bearbeitet.
In der Themenauswahl des Kongresses wurde zugleich deutlich, was Pädagogen und Therapeuten heute besorgt und nach neuen Vorgehensweisen in der Erziehung und Therapie von Kindern und Jugendlichen suchen lässt. Bewegungsmangel prägt den Tagesablauf vieler Kinder. Eingeschränkte Erlebnismöglichkeiten in der oft verplanten oder fremd- bestimmten Freizeit haben Lernstörungen und soziale Auffälligkeiten zur folge. Grundlegende Fertigkeiten wie eine Treppe hochlaufen, das eigene Körpergefühl hangelnd halten, einen Ball auffangen oder auf einen Baum klettern, sind nicht mehr selbstverständlich.
Selbsterfahrung, Selbsttätigkeit und damit auch Selbstbewußtsein bleiben auf der Strecke und Lernen wird von den Kindern nicht mehr als lustvoller Umgang mit der Welt, sondern oft als zwangsläufiges Pauken ferner Inhalte verstanden und Kinder erleben sich nicht mehr als der Motor für ihr Lernen. Doch Bewegung und Lernen sind keine Gegensätze. Umfassende Erfahrungen im selbsttätigen Handeln und Bewegen liefern die Grundlagen für die Begriffs- und Mengenbildung. Denn Begriffe entstehen im Be-Greifen, Mengen im Gemenge. Schlau-Sein hat nicht nur mit dem IQ zu tun, sondern meint sich selbstständig zurechtfinden, sich mit Problemen auseinandersetzen und Lösungen finden.
Alle Möglichkeiten solch ganzheitlicher Entwicklungsförderung bietet das Toben, erfuhren die Tagungsteilnehmer. Toben ist lustvolles Sich-Bewegen und ganz nebenbei werden Regeln und Grenzen entwickelt, erfahren und eingehalten. Toben macht allerdings auch Krach, denn Bewegung setzt immer Sprache frei. Deshalb ist zu erwarten, dass Toben in der Pädagogik und Therapie es krachen lässt und neue, kindbezogene Wege öffnet. Fazit: Toben macht schlau? sicher, aber Toben hält auch schlau!
Quelle: Bonner Rundschau vom 05. Juni 2003, von Maria Wolf