Die psychomotorische Förderung
bedarf, um als bewegungsorientierte Entwicklungsförderung erfolgreich arbeiten
zu können, der sorgfältigen Planung, Nachbereitung, der Evaluation der
Einordnung in einen theoretischen Begründungszusammenhang. Der Blick von oben
auf die "Theorielandschaft" der Psychomotorik schafft hier jedoch
keine Klarheit, sondern eher Verwirrung und Verunsicherung. Sie zeigt sich
vielgestaltig, vielfältig und sehr diffus. Es gibt zahlreiche Facetten und
häufig nur Nuancen in den Unterschieden zwischen verschiedenen Ansätzen,
Konzeptionen und auch Ansichten.
Probleme einer theoretischen Fundierung ergeben sich nach SEEWALD (1993) v.a. dadurch, dass die Psychomotorik einmal als Gefühl und Lebenseinstellung beschrieben wird, ein anderes Mal als Arbeitskonzept. Die Grenzen zwischen beiden Beschreibungen sind fließend. Zudem gibt so viele unterschiedliche Ansätze, daß ein übergreifender Ansatz bzw. eine für alle gültige Theorie als nicht mehr sinnvoll und nicht mehr möglich erscheint. Ausgangspunkt für weitere Diskussionen ist höchstens noch der kleinste gemeinsame Nenner. Dadurch ist eine eindeutige Zuordnung der Praxis zu theoretischen Konzepten ist nicht oder nur kaum möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass Unsicherheit und Uneinigkeit bezüglich der Definition zentraler Begriffe wie "Bewegung", "Wahrnehmung" oder "Körper" herrscht.
Es wird ersichtlich, dass es die Psychomotorik und/oder die Theorie der Psychomotorik nicht gibt bzw. nicht geben kann.
Neben dieser Problematik führt der Druck, der heutzutage auf Kinder wie auf Eltern lastet, zu weiteren Schwierigkeiten in der konkreten Ausgestaltung der Praxis. Die Meßlatte, die anzeigt, was als "krank" oder "auffällig" gilt, wird sukzessive niedriger gelegt. Um die Kinder mindestens im "Normalbereich" zu halten, oder, wenn es eben möglich ist, "besser" zu machen, wird der Alltag vollgepackt und minutiös durchgeplant mit Programmen und Aktionen, die häufig sehr viel Bewegung beinhalten, und von denen angenommen wird, dass sie "gut" für das Kind sind. Ihnen fehlt jedoch weitgehend die Möglichkeit zur Eigeninitiative, zur Selbsttätigkeit (d.h. "selbst etwas in die Hand nehmen zu dürfen") und damit auch das Erfahren von Selbstwirksamkeit. Es finden sich zu einem großen Teil die Kinder in den psychomotorischen Fördergruppen, deren Verhalten oder Leistungsfähigkeit in unserem gesellschaftlichen System ein Krankheitswert zugeschrieben wird. Sie sind nicht in der Norm bzw. erfüllen nicht ihr Soll. Die Eltern haben den berechtigten Wunsch, dass wir mit unserem Fachwissen ihren Kindern helfen, damit sie möglichst schnell (auch das ist wichtig: Schnelligkeit und Effizienz!) den Anschluss schaffen. Den Eltern und v.a. den Kindern selbst diesen Druck zu nehmen ist eine der wichtigsten Aufgaben und Pflichten des Psychomotorikers/der Psychomotorikerin. Dabei ist es oftmals äußerst schwierig, den Beteiligten begreiflich zu machen, das ein "Sich-Zeit-lassen" und dass Gelassenheit ebenso wichtige Förderelemente sind wie Bewegung, Spiel und Sport.
Konsequenzen ergeben sich u.a. dahingehend, dass nicht ein einziges Konzept bzw. ein einziger Ansatz die Grundlage der psychomotorischen Förderung sein kann. Vielmehr gilt es, aus den vorhandenen Konzepten und Ansätzen die Elemente auszuwählen, die zur Erstellung (theorieübergreifender) individueller Förder- und Entwicklungspläne sinnvoll erscheinen. Diese, immer nur vorläufigen, Pläne gilt es in ein Setting zu übertragen, das statt einer Be-Handlung die Be-Fähigung des Kindes (ZIMMER) als Leitidee hat.
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